Lebensweg
scheint vorgegeben
Dort hatte
Maria es zwar besser, die Großeltern waren gut zu ihr. Aber auch sie haben Maria nicht in die Schule geschickt. Sie musste
stattdessendie Schafe hüten. Die
beschauliche Zeit dauerte sechs Jahre,
dann folgten die Rückkehr in den Haushalt ihres Vaters, eine frühe Ehe voller Gewalt und von kurzer Dauer, Bürgerkrieg, Folter und
die Flucht nach Mexiko. Mit 19
Jahren kehrt Maria Peréz Sales in
ihre Heimatgemeinde San Ildefonso Ixtahuacán zurück, heiratet und adoptiert zwei Kinder. Sie will endlich lesen, schreiben und rechnen
lernen. Jahre vergehen, ohne
diesem Ziel näher zu kommen. So kann
das Leben eines einfachen Mädchens in Guatemala aussehen.
Jahrtausendwende
brachte Frauenrechte
Der
Bürgerkrieg endete formell mit der Unterzeichnung eines Friedensvertrages im Jahr 1996. Dieser Vertrag sieht vor, dass in Guatemala
ein nationales Frauenforum
gegründet wird, das für die Umsetzung aller frauenspezifischen Inhalte der Friedensverträge verantwortlich ist, etwa die
Alphabetisierung von Frauen und
die Stärkung ihrer politischen und
gesellschaftlichen Rechte. Das Frauenforum ADIMH, Asociación de Desarrollo Integral de Mujeres Huehuetecas (Verein zur umfassenden
Förderung der Frauen von Huehuetenango)
vertritt die Dachorganisation
„Foro de la Mujer“, in der sich alle Frauenorganisationen der Zivilgesellschaft versammeln, um für die wirtschaftlichen,
kulturellen, politischen, sozialen
und zivilen Rechte einzutreten.
Frauen
lernen, sich einzusetzen
ADIMH
hat Mitglieder in der ganzen Provinz Huehuetenango, denn der Verein hat in fast allen Gemeinden so genannte „coordinadoras municipales“ gegründet. Diese Frauenbüros dienen dem
Dialog. Hier werden Vertreterinnen
für den Gemeinderat gewählt. Sie
lernen in Schulungen von ADIMH, wie sie die Anliegen der Frauen in politischen Institutionen erfolgreich durchsetzen könen, welche
Gesetze es für Frauen gibt und
welche Rechte allen Bürgerinnen und
Bürgern von Guatemala zustehen. In jedem Gemeinderat Guatemalas ist per Gesetz ein Sitz für die Frauen reserviert. Dennoch
ist es nicht immer leicht, dieses
Recht durchzusetzen.
Gegenseitige
Unterstützung
Wie schwierig es
für Frauen war, eine eigene Gruppierung zu gründen und Anerkennung zu finden, erzählt Maria Felipa, eine Mitarbeiterin von ADIMH in der
Gemeinde San Gaspar Ixchil: „Der Bürgermeister wollte – Gesetz hin oder her – von einer Teilnahme der Frauen an den politischen
Entscheidungsprozessen in der
Gemeinde nichts hören. Die Frauen
hatten Angst, sich über die Meinung der Männer hinweg zu setzen. Durchsetzungsvermögen,
Willensstärke und Hartnäckigkeit haben
sich bewährt. Die Frauen haben sich
in den Gruppen gegenseitig unterstützt und ermutigt und ihre Forderungen durchgesetzt. Heute gibt es eine Frauengruppe in San Gaspar
Ixchil und auch eine Vertreterin
im Gemeinderat.
Lesen und
Schreiben als Basis
Was für
die Frauen aber mindestens genauso wichtig ist wie eine politische Vertretung, ist die Fähigkeit, lesen, schreiben und rechnen zu können.
39 Prozent der Frauen sind
Analphabetinnen. Das Projekt ADIMH
bietet ein Alphabetisierungsprogramm an, denn Lesen und Schreiben sind wesentliche Voraussetzungen, um Arbeit zu erhalten. Manchmal findet der Unterricht in der Schule des
jeweiligen Ortes statt, manchmal
auch im Hinterhof eines Privathauses. Über Holzgerüste wird eine Plastikplane gespannt, um zumindest vor dem ärgsten Regen oder der glühenden Sonne geschützt zu
sei. Maria Peréz Sales hat
endlich ihren Wunsch realisiert: Sie hat im ADIMH-Schulungshaus in der Bezirkshauptstadt Huehuetenango den Anfängerkurs bereits
abgeschlossen und bereitet sich
für die nächste Stufe vor. Im
politischen und gesellschaftlichen Leben ihrer Heimatgemeinde Sal Ildefonso Ixtahuacán spielt sie eine wichtige Rolle.
Neues Selbstbewusstsein hilft
Auch Felipa Carrillo hat bei ADIMH lesen, schreiben und rechnen gelernt. Die Schule haben
sie und ihre Geschwister als
Kinder schon nach einem Jahr abgebrochen,
um für die Familie in einer Kaffeeplantage zu arbeiten. Auch heute ist ihr Leben nicht leicht. Die wirtschaftliche Situation
in ihrer Heimatgemeinde Todo Santo
Cuchumatan ist schwierig. Die Kaffeekrise hat die Umstände noch verschlimmert. Felipa Carrillo hat schon einige Kurse
für Frauen besucht. Sie hat sich
für eine weitere Alphabetisierungsgruppe stark gemacht und konnte auch in ihrem Dorf eine Neugründung bewirken.










